Maßanzug für die Kabine

Von der Akquisition bis zur Auslieferung eines VIP-Flugzeugs

VIP-Flugzeuge spielen eine ganz besondere Rolle in der Luftfahrtindustrie. Denn insbesondere die Aus- und Umrüstung der Kabinen dieser besonderen Flugzeuge unterliegt teils ganz eigenen Gesetzen. Hier stehen neben der Praktikabilität und Kosteneffizienz vor allem der Komfort und individuelle Lösungen im Vordergrund. Für die komplette Entwicklung, den Einbau der Innenausstattung und die Inbetriebnahme ist das sogenannte „Completion Center" (Ausstattungszentren) des Bereichs „VIP & Special Mission Aircraft Services" der Lufthansa Technik verantwortlich. Nach Übergabe des Flugzeugs an den jeweiligen Kunden, kümmert sich die Abteilung „VIP & Special Mission Aircraft Maintenance" um alle Belange der Wartung und Überholung im Flugbetrieb, also vom A- bis zum D-Check. 

Bester VIP-Kabinenausrüster des Jahres 2012

Während zu Beginn des Jetzeitalters noch ausschließlich Regierungen das Angebot maßgeschneiderter Innenausstattungen für Verkehrsflugzeuge nutzten, entdeckten in den siebziger Jahren nach und nach auch Oberhäupter von Königsfamilien aus dem Mittleren Osten den Luxus jenseits der First Class. Neben dieser mittlerweile langjährigen Kundengruppe aus dem arabischen Raum sind in den letzten Jahren vor allem immer mehr russische und asiatische Kunden dazugekommen. Es sind jedoch nicht nur große VIP-Flugzeuge, die ausgestattet und gewartet werden. Auch das immer wichtiger werdende Segment der kleineren Business Jets wächst kontinuierlich. Daher engagiert sich Lufthansa Technik auch verstärkt in diesem lukrativen Markt. Der gesamte Prozess - vom fertigen „Rohbau" bis zur Luxuskabine - wird mit den hohen Lufthansa Technik-Ansprüchen gestaltet und gilt für alle Standorte der Lufthansa Technik gleichermaßen. Speziell die Ausstattung und Wartung von Flugzeugen des kanadischen Herstellers Bombardier wird im Lufthansa Technik VIP-Verbund durch Lufthansa Bombardier Aviation Services (LBAS) in Berlin Schönefeld, dem führenden Spezialisten für Bombardier Business Jets, für Kunden aus Europa, dem Mittleren Osten, Osteuropa und Afrika abgedeckt. Das Lufthansa Technik-Tochterunternehmen BizJet International in Tulsa, Oklahoma, bedient mit der Ausstattung „kleiner" Flugzeuge, sogenannter „Narrowbodies", internationale VIP-Kunden und führt Wartungsleistungen vorwiegend für den US-amerikanischen Markt durch. Der Bereich „VIP & Special Mission Aircraft Services" der Lufthansa Technik sowie auch BizJet International haben zusammen im Jahr 2012 den Preis „Bester VIP-Kabinenausrüster des Jahres 2012" von Airbus Corporate Jets erhalten. Diese Auszeichnung wurde erstmals vergeben und Lufthansa Technik wurde aus dem Netzwerk der Ausrüstungszentren mit Airbus-Zulassung ausgewählt.

Wie aber genau entsteht eine VIP-Kabine und wer ist in welchem Maße - von der Akquisition bis zur Auslieferung an den Kunden - an der Prozesskette beteiligt? Für die Akquise neuer Aufträge ist einerseits das VIP Sales Team der Lufthansa Technik verantwortlich. Andererseits treten auch Bestands- oder Neukunden von sich aus mit ihren Wünschen an Lufthansa Technik heran. Neben Lufthansa Technik gibt es nur eine Handvoll weiterer Anbieter weltweit, die im Bereich der Kabinenausstattung von Mittel- und Langstreckenflugzeugen ähnlich weitreichende Kompetenzen, Erfahrungen und Möglichkeiten bei der individuellen Gestaltung des Flugzeuginnenraums besitzen. 

Design nach individuellen Vorgaben

Wenn ein Kunde in direktem Kontakt mit den Ausstattungsexperten der Lufthansa Technik steht, beginnt der Arbeitsprozess. Sofern der Kunde keine Drittfirma oder einen Innenarchitekten mit konkreten Vorgaben betraut hat, geht es in den ersten Gesprächen um das Herausfinden von Bedarf und Bedürfnissen des Kunden an sein zukünftiges Flugzeug. In diesem Austausch wird ermittelt, für welche Zwecke das betreffende Flugzeug konkret genutzt werden soll: Fliegt der Eigner vornehmlich allein, mit Familie oder mit großer Entourage? Wird das Flugzeug privat, geschäftlich oder primär für repräsentative Zwecke genutzt? Auf welchen Strecken und in welchen Regionen soll das neue Flugzeug eingesetzt werden? Welche Stilelemente, Farben und Materialien werden bevorzugt? Gibt es bereits Designs von anderen Objekten, wie Häuser oder Yachten, die dem Kunden besonders gut gefallen und die bei den Entwürfen berücksichtigt werden sollen? Besprochen wird dabei nicht nur was technisch möglich, sondern auch was luftfahrttechnisch erlaubt ist und wie es um entsprechende Einbauten wie Konferenzraum, Dusche, Kino, Küche, Bar oder Diwan bestellt ist.

Nach dem ersten Treffen und der Bedarfsermittlung einschließlich der Produktspezifikationen erstellen die Interior Design-Architekten des Completion Centers erste Skizzen von der Raumaufteilung (Floorplan) und der wichtigsten Kabinenausrüstung. Zur Visualisierung gehören Handskizzen oder vereinfachte 3D-Darstellungen von der Kabine. Parallel zu dieser ersten Planungsphase laufen Vorvertragsverhandlungen (Letter of Intent) verbunden mit der Reservierung eines Liegeplatzes (Slot Reservation Agreement). Sobald der Auftrag vom Kunden schriftlich erteilt worden ist, wird eine Auftragsspezifikation ausgearbeitet und konkrete Ausstattungsdetails festgelegt. Diese „Spezifikation" kann einen Umfang von bis zu 500 Seiten haben. Ab diesem Moment übernimmt ein Projektleiter des Completion Centers die weitere Führung des Projekts. Das Sales Team steht dem Kunden auch weiterhin für Dienstleistungsangebote wie Wartungs- und Überholungsleistungen zur Verfügung. 

Aufplanung aller Gewerke

Allein die Phase vom Erstkontakt bis zur endgültigen Vertragsunterzeichnung dauert sechs bis zwölf Monate, da sich der Kunde und die verantwortlichen Mitarbeiter der Lufthansa Technik immer wieder kurzschließen müssen, um auch kleinste Detailfragen, wie Badezimmerarmaturen, Türgriffe oder Farbverläufe zu klären. Sobald die wesentlichen Fragen beantwortet und vertraglich fixiert sind, beginnt der Projektleiter mit der Aufplanung der beteiligten Gewerke wie Sattlerei, Tischlerei, Avionik (Bordelektronik), Flugzeugmechanik, Interieurwerkstatt und Fluggerätebau in der Metallbearbeitungswerkstatt. So wird beispielsweise der individuelle Sitzkomfort jedes einzelnen Sitzes in enger Zusammenarbeit der Designer mit den Ingenieuren und dem Sitzhersteller gestaltet. Oftmals werden auch Sitzprototypen dem Kunden zur Sitzprobe zur Verfügung gestellt. Von allen notwendigen Kabinenarbeiten werden 90 Prozent bei der Lufthansa Technik vor Ort und zehn Prozent außer Haus bei namhaften externen Zulieferern durchgeführt. Die Qualität aller Fremdfirmenleistungen wird grundsätzlich durch Lufthansa Technik sichergestellt, da die Kunden allerhöchsten Wert auf das Qualitätssiegel „Made by Lufthansa Technik" legen.

Nach zuvor festgelegter Terminplanung wird das neue Kundenflugzeug ohne Kabinenausstattung direkt vom Flugzeughersteller ins Lufthansa Technik Completion Center überführt. Basierend auf dem jeweiligen Flugzeugmuster wird dann im sogenannten Mock Up Center ein computerbasiertes 3D-Abbild für das konkrete Flugzeug erstellt, um die Flugzeugzelle und alle Systeme virtuell darzustellen. Anschließend wird dann am Rechner ein Digital Mock Up angelegt, um alle geplanten Einbauten bereits vorab in der späteren Umgebung virtuell sehen und auf Fehler untersuchen zu können. Für weitere mögliche Fehler, die das System nicht gleich erfassen oder erkennen kann, stehen eine umfangreiche Checkliste und der weltweit einzigartige „Virtual Fitcheck" zur Verfügung. Erst dann werden die Kabinenelemente in den Werkstätten gebaut, in das Flugzeug eingepasst und verschraubt. Durch die Überprüfung der Einbauten vorab am Rechner sind später im Flugzeug weniger Anpassungsschritte nötig und Bauzeiten können entsprechend verkürzt werden. Für die Herstellung einer Kabinenausstattung eines Jumbo Jets sind durchschnittlich 260 Mitarbeiter in den Werkstätten involviert und noch einmal so viele am Flugzeug im Dock, davon allein bis zu 100 Interiorspezialisten.

Der Kabinenausbau kleinerer Flugzeugmuster (Mittelstreckenflugzeuge) der Typen BBJ (Boeing Business Jets) und ACJ (Airbus Corporate Jets) dauert in der Regel zwischen sechs und neun Monate, die Completion eines Großraumflugzeugs vom Typ Airbus A330/340 oder Boeing 747 zwischen zwölf und fünfzehn Monaten. Letztlich hängt die Dauer des Projekts von der Größe des Flugzeugs und den besonderen Wünschen des Kunden ab. Alle Kabineneinbauten sind Unikate und werden in reiner Handarbeit hergestellt. Sie müssen einerseits dem Wunsch des Kunden entsprechen, aber natürlich auch allen Anforderungen an die Flugsicherheit und den Behördenforderungen genügen. So muss selbst ein zierliches Sideboard mit dünnen Füssen im Barockstil eine Beschleunigung aushalten können, die dem neun- bis 16- fachen der Erdanziehungskraft entspricht. Auch aus diesem Grund gibt es nur selten Standard-Lösungen, meistens ist das Außergewöhnliche die Norm.

Außergewöhnlich und aufwändig sind allerdings nicht nur das Mobiliar und die Dekorelemente, sondern auch die zusätzlich verbaute Schallisolierung: Während bei kleineren VIP- und Regierungsflugzeugen zusätzlich zum Serienflugzeug zwischen 0,6 und 1,8 Tonnen Schalldämmmaterial eingebaut werden, benötigen VIP-Jumbos sogar bis zu vier Tonnen Schalldämmmaterial zusätzlich. Wegen des deutlich höheren Gewichts und der daraus resultierenden geringeren Reichweite werden häufig Zusatztanks in die VIP-Flugzeuge eingebaut. Und auch an der Bordelektronik wird nicht gespart: Neben dem Einbau digitaler Bordunterhaltungs- und Kabinenmanagementsysteme (IFE/CMS) anderer namhafter Hersteller bietet Lufthansa Technik den Kunden auch die neueste Generation seines eigenen Spitzenprodukts nice HD® (Networked Integrated Cabin Equipment High Definition) an. Mit nice HD® lassen sich unter anderem auch durch das eigene Smartphone, neben vielen Kabinenfunktionen, wie die Beleuchtung, auch Audio-, Video- und andere digitale Daten an Bord steuern. Mit dieser Lösung kann der Kunde beispielsweise durch die bordeigene Videothek einen aktuellen Film auswählen, die Beleuchtung passend dimmen und zeitgleich von der Crew sein Lieblingsgetränk bestellen. So wurden in einem Airbus A319 CJ - neben vier Zusatztanks - rund 100 Kilometer Kabel verbaut. 

Eingehende Systemtests vor der Übergabe

Bevor das fertige Flugzeug an den Kunden übergeben werden kann, finden noch umfangreiche Systemtests am Boden statt. Erst wenn hier alle Systeme funktionieren und die Behörden die notwendigen Genehmigungen erteilt haben, folgen Testflüge und Systemtests in der Luft, bei denen die Projektingenieure aus den beteiligten Gewerken anwesend sind und die Systeme ihrer jeweiligen Verantwortungsbereiche überprüfen und abnehmen. Wenn alle Tests erfolgreich verlaufen sind, folgt mit einem autorisierten Kundenvertreter der Abnahmeflug (Customer Acceptance Flight). Wenn auch dieser ohne Beanstandungen erfolgt ist, gehen die „Engineering Documents" zur jeweiligen Behörde, die das erforderliche Zertifikat über die volle Funktionsfähigkeit des Flugzeugs erteilt. Abschließend erfolgen die formale Übergabe an den Kunden und die Abrechnung.

Früher oder später muss aber auch ein VIP-Flugzeug gewartet oder überholt werden – auch wenn es in der Regel wesentlich weniger Stunden im Jahr in der Luft ist als eine Maschine im Airlineeinsatz. Nachdem Lufthansa Technik dafür gesorgt hat, dass „hochfliegende" Wünsche im Completion Center Wirklichkeit werden, sorgt der Bereich „VIP & Special Mission Aircraft Maintenance" nun dafür, dass sie es auch bleiben. Das Angebot reicht vom kleinen A-Check bis zur umfangreichen Grundüberholung, dem D-Check, inklusive der Durchführung von Wartungsarbeiten am Heimatstandort des Kunden. Und sollte es nach ein paar Jahren der Nutzung den Wunsch des Eigners nach einem neuen Kabinendesign geben, so steht Lufthansa Technik auch dafür bereit. Möglich sind die Aufarbeitung und Modifikation bestehender Kabinenelemente genauso wie ein vollständiger Neubau der Kabineneinrichtung.