Dem Material auf den Grund gehen

Das Werkstoff-Engineering bei Lufthansa Technik

Die Auswahl der Werkstoffe für bestimmte Bauteile an Flugzeugen spielt in der Luftfahrt eine besondere Rolle. Wenn in einigen Fällen genaue Herstellerangaben zur Materialbeschaffenheit von Bauteilen fehlen, sind selbst die erfahrenen Kollegen der Fachabteilungen auf die professionelle Unterstützung des Werkstoff-Engineerings im Bereich Zentrale Werkstofftechnik angewiesen. Die Werkstoff- und Metallkundler recherchieren, analysieren und klassifizieren selbst die komplexesten Werkstoff-Gefüge und stehen ihren Kollegen aus den Bereichen jederzeit beratend und unterstützend zur Seite. Viele Anfragen kommen aus den Bereichen, seltener auch von extern. In einigen Fällen genügt eine schnelle Datenbankrecherche, in anderen Fällen liefert das Werkstoff-Engineering weiterführende Literatur zu den speziellen Eigenschaften und dem Verhalten des betreffenden Werkstoffes. 

  • 2015 Werkstoff Engineering Door
    Schichtdickenmessung eines Flugzeugaußenlacks
  • 2015 Werkstoff Engineering Outside
    Mobile Werkstoffprüfung am Flugzeug
  • 2015 Werkstoff Engineering Inside
    Begutachtung einer Bauteiloberfläche unter dem Mikroskop
  • 2015 Werkstoff Engineering Sample
    Makroskopische Lackschadensuntersuchung
  • 2015 Werkstoff Engineering Landing Gear
    Mobile Härteprüfung am A320 Main Fitting

Viele Anfragen kommen aus der Fahrwerksabteilung, der Triebwerksüberholung, der Galvanik und den Gerätewerkstätten: Mal benötigen die Bereiche nur die deutsche Bezeichnung für den Stahl eines ausländischen Herstellers, mal wollen sie wissen, welche Behandlung und welche Reinigungsmittel ein Stahl verträgt oder wie man ihn optimal beschichten kann. Wenn sich selbst die Experten nicht sofort ganz sicher sind, raten sie zu einer umfassenden Werkstoffanalyse und -prüfung des betreffenden Bauteils in den Laboren. Zu diesem Zweck werden kleinere Bauteile oder Materialproben größerer Bauteile in der Kunststoffanalytik oder in der Metallographie auf ihre genaue Beschaffenheit und ihre speziellen Eigenschaften hin untersucht.

Großbauteile können auch in den Werkstätten oder direkt am Flugzeug mobil untersucht werden. Sollte beispielsweise bei der örtlichen Überhitzung eines Fahrwerkteils der Lack angeschmolzen sein, besteht die Gefahr einer Versprödung des darunterliegenden Werkstoffsystems. Dann begutachten die Experten des Werkstoff-Engineerings das betreffende Teil mit geschultem Blick, Taschenlampe, Lupe und tragbarem Mikroskop vor Ort und empfehlen, was zu tun ist. Bei überhitzten Stahlteilen kann der Schaden mittels einer Ätzprüfung genau analysiert werden. Bei Gefügeuntersuchungen werden Abdrücke von der schadhaften Stelle genommen und im Labor mikroskopisch untersucht. Sobald der Schaden genau diagnostiziert ist, kann entschieden werden, ob das betreffende Bauteil noch repariert werden kann oder ob es verschrottet werden muss.

Mit Hilfe der mitunter sehr umfangreichen Untersuchungen lassen sich unter anderem Versprödungen feststellen, die Beschaffenheit von Gewinden bestimmen, Schmiede- von Gussteilen unterscheiden oder auch feststellen, ob bestimmte Bauteile oberflächengehärtet sind und ob sie maschinell bearbeitet werden müssen. Nachzubauende Teile, sogenannte Fliegwerkstoffe, für die Junkers JU 52, die Lockheed Super Star oder Fahrwerksbuchsen für moderne Flugzeugmuster lassen die Werkstoff- und Metallkundler auf ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften hin untersuchen, nehmen Qualitätskontrollen vor und sprechen Empfehlungen aus. Die Entscheidung über die Verwendung eines Bauteils obliegt jedoch immer dem zuständigen Systemingenieur.

Neben Informationen, Beratung und Vermittlung liefert das Werkstoff-Engineering vor allem verbindliche Standardverfahren, die es als Herausgeber im Lufthansa Technik Handbook PMT (Processes & Material Test Methods) veröffentlicht. Alle drei Monate findet fachbereichsübergreifend ein intensiver Austausch mit Ingenieuren, die mit Kunststoff- und Klebtechnik zu tun haben, statt. Ziel dieser Know-how-Plattform ist es, alle neuen Erkenntnisse zu sammeln und im PMT vereinfacht und als Lufthansa Technik-Werksstandard vereinheitlicht darzustellen. Das gilt auch für Reinigungs- und Rissprüfungsverfahren, bei denen das Werkstoff-Engineering nicht nur sachverständig beratend zur Verfügung steht, sondern auch regelmäßig zu Treffen des „Netzwerk Reinigung" einlädt, um den gezielten Austausch der Fachabteilungen zu allen Reinigungsthemen zu ermöglichen. So können Kooperationen des Werkstoff-Engineerings mit den Fachwerkstätten weiter intensiviert und innovative Reinigungsverfahren vorgestellt werden.