Auf den ersten Blick erkannt

Innovatives Verfahren zur Materialidentifikation im internationalen Reparaturkreislauf

Die weltweite Versorgung interner und externer Kunden mit Flugzeugmaterialien stellt sehr hohe Anforderungen an die Logistik. Insbesondere eine zeitnahe Identifikation der benötigten Ersatzteile ermöglicht vielfältige Optionen in der Zu- und Rückführung. So reicht der Identifikationsprozess bei Lufthansa Technik Logistik Services (LTLS) von der Warenannahme und (Zertifikats-) Prüfung über die Buchung in das Materialwirtschaftssystem der Lufthansa Technik bis hin zur Bearbeitung aller beiliegenden Dokumente. Anschließend wird das Flugzeugmaterial von der LTLS an die Werkstätten weitergeleitet. Das Material-Routing über mehrere Stellen – vom Kunden zur LTLS zur Werkstatt und bei Bedarf wieder zurück – führt häufig zu langen Transportzeiten, hohen Transport- und Handlingkosten sowie großen Materialbeständen. 

Um einen direkten Versand der Ersatzteile vom Kunden zum nächstgelegenen MRO-Betrieb (Maintenance, Repair & Overhaul) und bei Bedarf wieder zurück zu ermöglichen, hat die LTLS mit gate.control (gate = Global AsseT Expert) ein neues Verfahren zur Materialidentifikation im internationalen Kreislauf entwickelt. Das Projekt profitierte hierbei von der intensiven Zusammenarbeit mit den beteiligten Qualitätsabteilungen. Mit Hilfe von gate.control lassen sich einbaufähige (serviceable) und nicht-einbaufähige (unserviceable) Ersatzteile frühzeitig identifizieren. Möglich macht dies ein Remote-Verfahren, das aus einer nicht-beeinflussbaren Steuerungssoftware, einer Hardware zur Informationsaufnahme und einem vordefinierten Prozess besteht, der die Verantwortlichkeiten aller beteiligten Akteure festlegt.

Die Identifikation des Flugzeugmaterials kann somit bereits am Kundenstandort erfolgen. Das Kernelement hierfür bildet eine eigens entwickelte, gerade einmal einen Kubikmeter große Box. Diese ist mit vier Übersichts- und einer Außenkamera versehen, um Fotodokumentationen über das Flugzeugmaterial und den Zustand der Verpackung anzulegen. Die mobile Detailkamera ermöglicht eine Aufnahme des Nameplates (Typenschildes) in hoher Auflösung für die Überprüfung von Part- und Seriennummern. Ein Scanner nimmt die beiliegenden Dokumente auf. Über 90 Prozent aller Flugzeugkomponenten bei der Lufthansa Technik können in der Box erfasst werden. Die übrigen Materialien werden mit Hilfe der Außenkamera aufgenommen und lassen sich so ebenfalls in den vorgegebenen Standardprozess überführen. Die softwaregesteuerte Datenerfassung garantiert eine standardisierte und gleichverlaufende Informationsaufnahme.

Das Informationspaket wird anschließend an die zuständige Fachabteilung der LTLS übertragen. Speziell geschulte Mitarbeiter führen die verbindliche Nämlichkeits- und Mengenkontrolle sowie die Zertifikatsprüfung durch. Anschließend wird das Material in das Warenwirtschaftssystem der Lufthansa Technik gebucht und die erstellten Dokumente werden an den Dienstleister vor Ort übermittelt. Anschließend kann nun der physische Versand des Flugzeugmaterials vom Kunden zum MRO-Betrieb (und bei Bedarf wieder zurück) direkt erfolgen, ohne dass ein LTLS-Mitarbeiter beim Kunden vor Ort sein muss. Zurzeit stehen drei gate.control-Boxen mit geschultem Personal in Singapur, Mexiko und Paris zur Verfügung. Weitere Boxen sind geplant, so dass sich auch die Zahl der eigens dafür ausgebildeten Mitarbeiter entsprechend erhöhen wird. Auf das Verfahren und die gate.control-Box ist inzwischen ein Patent angemeldet worden.

Durch das Remote-Verfahren gate.control werden die Durchlaufzeiten für Flugzeugmaterial um bis zu 45 Prozent verkürzt und die Transportkosten um bis zu 40 Prozent gesenkt. Außerdem werden die Lagerhaltungs- und Routinekosten minimiert und – dank der durchgängigen und standardisierten Fotodokumentation – die Datenqualität erhöht. Aufgrund der großen Dynamik der Luftfahrtbranche wird es schon bald notwendig, über weitere Anwendungsfelder nachzudenken, in denen gate.control und andere innovative Verfahren zur Verbesserung der bestehenden Wertschöpfungssysteme eingesetzt werden können. Vor allem die kommerziell ausgerichteten Airline-Kunden haben aufgrund der Wettbewerbssituation ein verstärktes Interesse an innovativen Modellen und Technologien zur weiteren Kostensenkung: Ein umfassendes Supply-Chain-Management für MRO-Betriebe wäre ein denkbares weitergehendes Konzept von gate.control.