Vogelschlag:
Belastungsprobe für die Triebwerke

JAR-Vorschriften gewährleisten weitestgehende Sicherheit

Fuchsbauten, Greifvögel, Knallkörper: Alle Vorsichtsmaßnahmen an den Flughäfen können nicht verhindern, dass Flugzeuge und Vögel hin und wieder in der Start- und Landephase aufeinandertreffen. Besonders kritische Bereiche bei einem solchen –bird strike– sind neben den Cockpitscheiben die Triebwerke und ihre erste Schaufelreihe, die so genannten Fan Blades. Die Vorschriften der Joint Aviation Requirements (JAR, ein gemeinsames Regelwerk der europäischen Zivilluftfahrtbehörden) für die Entwicklung und die anschließende Betriebszulassung der Motoren sorgen dafür, dass auch bei schweren Vogelschlägen für die Passagiere ein Höchstmaß an Sicherheit besteht. Gemäß den geltenden Vorschriften muss nach einem einzelnen Vogelschlag eine sichere Fortsetzung des Fluges stets gewährleistet sein. Dennoch kann es trotz aller Sicherheitsvorkehrungen bei multiplen Einschlägen ganzer Schwärme großer Vögel in seltenen Fällen zum Versagen eines oder mehrerer Triebwerke kommen. 

Tests der kritischen Triebwerks-Bereiche

Birdstrikes und ihre möglichen Folgen für die Motoren werden bereits von den Triebwerksherstellern umfangreich getestet. Zum Beispiel wird beim so genannten „large bird ingestion test– ein mindestens 3,65 kg schwerer Vogelkörper mit einer Geschwindigkeit von etwa 360 km/h aus einer Gaskanone in Triebwerke mit mindestens 3,9 Quadratmetern Einlassfläche geschossen.

Je nach Testprozedur oder dem Durchmesser des Triebwerkseinlaufs variiert die Größe und die Anzahl der in das Triebwerk geschossenen Vogelkadaver. Bei den –medium and small bird ingestion tests– wird mit mehreren Vögeln gleichzeitig auf kritische Bereiche der Fan Blades (zum Beispiel Schaufelspitzen) sowie auf den Einlass ins Kerntriebwerk gezielt. Auch mit Gelatineblöcken können solche Einschläge von Vögeln simuliert werden. Die Versuchsobjekte werden dabei auf bis zu 500 Stundenkilometer beschleunigt, ein Wert der in den internationalen Regelwerken die höchste angenommene Geschwindigkeit für einen Vogelschlag darstellt. Dieser Wert ist niedriger als die Reisegeschwindigkeit strahlgetriebener Verkehrsflugzeuge, denn die meisten Vogelschläge treten nicht im Reiseflug, sondern beim Start oder Landeanflug auf, wo Flugzeuge weitaus langsamer unterwegs sind.

Bereits im Flug kann die Cockpitbesatzung an den Instrumenten Leistungseinbußen eines Triebwerks ablesen, die auf Beschädigungen durch den Vogelschlag zurückzuführen sind. Ein solches Vorkommnis wird daher sofort gemeldet und unter Umständen leitet der Pilot eine Rückkehr zum Flughafen ein. Nach erfolgter Landung sind dort so genannte Vogelschlagkontrollen vorgeschrieben, die auch bei Lufthansa Technik regelmäßig durchgeführt werden. Dabei werden betroffene Triebwerke mittels einer Boroskopie-Untersuchung komplett auf interne Beschädigungen untersucht. 

Folgen des Vogelschlags – sicher erkannt durch Boroskopie

Das Boroskop stellt die technische Anwendung des aus der Medizin bekannten Endoskops dar. Damit können die Spezialisten von Lufthansa Technik auch in die entlegensten Winkel eines Triebwerks schauen, ohne es vorher demontieren zu müssen. Die an einem festen Stab oder mit einem flexiblem Schlauch eingeführte Optik liefert Bilder von den Hohlräumen im Inneren des Triebwerks, beispielsweise den einzelnen Verdichterstufen. Hat sich am untersuchten Triebwerk ein Vogelschlag ereignet, sind hier oft Reste des Vogels zu finden, die den Technikern Aufschluss über die Schwere des Einschlags geben können. Anschließend werden die einzelnen Schaufeln von Fan und Verdichterstufen auf Schäden untersucht, die der Bird Strike hinterlassen hat. Diese können lokal als winzige Risse oder Einschlagstellen an den Triebwerksschaufeln auftreten oder sogar die gesamte Schaufelreihe betreffen, weil ein großer Vogel einzelne Schaufeln gegeneinander gebogen hat. Abhängig von Art und Umfang der festgestellten Beschädigungen kann danach ein Wechsel des Triebwerkes nötig werden. Werden keine Schäden gefunden, geben die Spazialisten von Lufthansa Technik das Triebwerk wieder frei. Die Boroskopie-Untersuchung hilft ihnen somit auch einen Triebwerkswechsel zu sparen, wenn nur auf Verdacht eines Vogelschlags hin untersucht wird.

Die langjährige Erfahrung der Lufthansa Technik zeigt, dass die Folgen eines Vogelschlags daher zumeist wirtschaftlicher Natur sind und sich in erhöhten Instandsetzungskosten durch Austausch und Reparatur beschädigter Bauteile auswirken.