Flugzeugreifen:
Mehr als nur "Gummi auf Stahl"

Enorme Gewichtsbelastung

Flugzeugreifen sind während ihres Einsatzes enormen Belastungen ausgesetzt. Das maximale Startgewicht beispielsweise einer Boeing 747-400 der Lufthansa beträgt 394.600 Kilogramm. Durch hohe Gewichtsbelastung der Räder, gepaart mit hohen Start- und Landegeschwindigkeiten, erwärmt sich ein Reifen in Folge von Reibung und Walkarbeit. Haupträder von Verkehrsflugzeugen sind auf starren Achsen fixiert und müssen bei Kurvenfahrten des Flugzeuges sowohl radiale als auch axiale Kräfte aufnehmen. Dabei treten starke Verformungen der Reifen auf, die bis hin zur Rissbildung auf der Lauffläche führen können.

Reifen müssen aber auch den Belastungen durch äußere Gegebenheiten wie verschmutzten Rollbahnen (Beschädigung durch Fremdkörper), Beschaffenheit der Rollbahnoberflächen und Temperaturunterschiede (Boden/Reiseflughöhe) standhalten. Die Randbedingungen zeigen, dass Räder (Reifen und Felgen) trotz des scheinbar einfachen Designs ein hohes Maß an Wartungsaufwand benötigen. Diese Aufgabe übernimmt bei der Lufthansa Technik AG die Frankfurter Räderwerkstatt. Hier können Arbeiten an Flugzeugrädern vom Reifenwechsel, über Reparaturen bis hin zur kompletten Überholung eines Rades vorgenommen werden. 

Daten von Flugzeug-Haupträdern

Flugzeugtyp Gewicht Felge(kg) Gewicht Reifen (kg) Durchmesser (mm)
B737-500 39,6 72 1016
B747-400 74,4 110 1244

  

20.000 Räder pro Jahr

Im Jahr verlassen durchschnittlich 20.000 komplett montierte Räder die Räderwerkstatt. Die Einlastung der Werkstatt ist stark abhängig von der Jahreszeit. Dies ist zum Teil auf verstärkte Flugbewegung in den Hauptreisezeiten, zum anderen aber auch auf höhere Temperaturen in den Sommermonaten zurück zu führen, die zu einer verstärkten Abnutzung der Lauffläche der Reifen führt. Der Arbeitsaufwand gestaltet sich sehr umfangreich, da die Herstellervorgaben, die im CMM (Component Maintenance Manual) verankert sind, mit Ausnahme der durch das Lufthansa Technik-Engineering geprüften Abweichungen eingehalten werden müssen.

Jedes Rad, das in die Räderwerkstatt kommt, durchläuft zahlreiche Stationen, bis es schließlich nach einer gründlichen Überprüfung durch einen Dual-Release nach JAA- und FAA-Regularien in der Endkontrolle freigegeben wird. Alle eingehenden Räder werden einer Eingangskontrolle unterzogen und in einem EDV-System mit allen relevanten Daten erfasst. Der Mitarbeiter dieser Station entscheidet anhand der Raddaten aus der Lebenslaufkarte und des äußeren Zustandes (Lackschäden, Beschädigung an Felgen und Reifen, Vollständigkeit der Bauteile usw.), welchen Weg ein Rad durch die Werkstatt nimmt. Zunächst werden die Räder je nach Art der fälligen Arbeiten bis zum notwendigen Grad demontiert und die Bauteile zur Reinigung weitergegeben. 

Verschiedene Prüf- und Messverfahren

Nach dem Reinigen werden die Felgen je nach erforderlichem Prüfaufwand einer zerstörungsfreien Werkstoffprüfung in halbautomatisierten Prozessanlagen unterzogen. Farbeindringverfahren oder Wirbelstromprüfungen sind hierbei die häufigsten Anwendungen. In Zweifelsfällen oder an unzugänglichen Stellen prüft das Personal zusätzlich von Hand mittels Ultraschallmessung. Wenn die Prüfung eine vorherige Entlackung erforderte, müssen die Felgen neu lackiert werden und können erst dann direkt in die Montage zur weiteren Bearbeitung.

Felgen unterschiedlicher Hersteller und Flugzeugtypen unterliegen ihren eigenen Prüfrhythmen, die für jede Radteilenummer und jede einzelne Serialnummer in einem speziellen EDV-System festgelegt und gespeichert sind. Über dieses System kann die Felge während des gesamten Aufenthalts in der Werkstatt verfolgt werden. Die Daten sind auf digitalen Speichermedien hinterlegt und können über Jahre zurückverfolgt werden. Für die Reifen endet die technische Betreuung durch die Räderwerkstatt nach der Demontage. Die Reifenhersteller holen die Reifen ab und nehmen, wenn möglich, eine Runderneuerung der Lauffläche vor. Dies kann theoretisch bis zu zehn Mal geschehen und unterliegt den strengen Qualitätsanforderungen der Hersteller.